12. Juli 2026
Was passiert, wenn man AI einfach machen lässt
Um sechs Uhr abends stand ich in einer Umkleidekabine und probierte Hemden an. Am nächsten Morgen hatte ich einen Kundentermin, und mir fehlte noch Material. Eigentlich wollte ich nur eine Agenda vorbereiten. Ich habe Claude in zwei, drei Minuten diktiert, worum es geht, und mich wieder den Hemden zugewendet.
Was dabei entstand, war keine Agenda. Es war eine komplette Schulung samt Dokumentation, aufgebaut aus einem Workshop, den ich Monate vorher für einen ganz anderen Kunden entwickelt hatte. Ich habe sie praktisch nicht mehr anfassen müssen.
Der ehrliche Teil dieser Geschichte ist, dass das weder Magie war noch ein besonders schlauer Prompt. Der eigentliche Trick ist Monate vorher passiert, im Urlaub.
Ich hatte dort Zeit und eine Vermutung. Wenn ich mir einmal eine Struktur baue, kann ich danach mühelos darin arbeiten und muss der AI nicht mehr alles dreifach und zehnfach erzählen. Also habe ich einen Ordner angelegt, der aussieht wie mein Geschäft. Ein Bereich pro Kunde, dazu Bereiche für die internen Themen. Und hineingelegt habe ich nicht nur Notizen, sondern die echte Arbeit. Präsentationen, Workshops, Entscheidungen, Regeln. Einmal erzählt, als Datei abgelegt, und es gilt ab da einfach.
Seitdem compoundet das System. Jede Designregel, die ich einmal festhalte, taucht in jeder folgenden Präsentation wieder auf, auch wenn ich selbst längst vergessen habe, dass ich sie mal aufgeschrieben hatte. Jeder Stil, jede Formulierung, jede Entscheidung zahlt ein. Und irgendwann passiert genau das, was in der Umkleidekabine passiert ist. Wissen aus einem Projekt wird fast ohne Reibung zur fertigen Lösung für ein anderes.
Das Verrückteste daran ist, dass diese Schulung zu Fuß nie entstanden wäre. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wäre, sondern weil sich der Aufwand nie gerechnet hätte. Einen Workshop für einen anderen Kontext komplett neu aufzubereiten lässt sich preislich schlicht nicht abbilden, also wäre es einfach nie passiert. Für mich ist das der am meisten unterschätzte Effekt. Ein System, das compoundet, macht nicht nur bestehende Arbeit schneller. Es erschafft Arbeit, die es sonst gar nicht gäbe.
Die häufigste Sorge, die ich dazu höre, ist die Frage, ob ich der AI wirklich Zugriff auf alles gebe. Nein. Ich gebe ihr gezielt Zugriff. In der Entwicklung viel, da darf sie lesen, bauen, testen und auch mal verwerfen. In der Produktion bewusst wenig. Meine Systeme schotten ab, und über Zugriffskontrollen entscheide ich, was geht. Eine Aufgabe anlegen, Stunden erfassen, einen neuen Kunden im System anlegen … das geht. Alles andere nicht. Genau diese Grenzen sind der Grund, warum ich den Zugriff überhaupt so großzügig geben kann.
Heute läuft praktisch mein gesamtes Tagesgeschäft durch dieses eine System. Ich referenziere meine Codebasen darin, stelle meine Rechnungen darüber, beantworte E-Mails, verschicke Umfragen und lasse sie auswerten. Und das stärkste Stück ist inzwischen etwas, das ich anfangs gar nicht geplant hatte. Ich lasse mir Entscheidungen visuell vorlegen. Bevor irgendetwas gebaut ist, sehe ich, wie das Ergebnis aussehen wird, nicht als Textwüste, sondern als echte, gestaltete Vorlage. Im Grunde bekomme ich für jede Entscheidung ein kleines Pitch Deck vorgelegt. Ich entscheide, die AI arbeitet aus.
Wenn ich heute bei null anfangen müsste, würde ich es genau so machen wie damals im Urlaub, nur früher. Einen Ordner anlegen. Die Arbeit hineinlegen, die sowieso da ist. Und dann nicht fragen, was die AI alles kann, sondern ihr sagen, was ich erledigen will, und mich überraschen lassen, wie oft sie den Weg dorthin kennt. „Ich will, dass du meine E-Mails liest und mir jeden Morgen einen Report gibst. Ich nutze Outlook und habe keine Ahnung, wie man das anbindet. Hilf mir.“ So einfach darf der Einstieg klingen. Wer stattdessen vorher schon die Limitationen aufzählt, gibt dem System nichts, worin es wachsen kann.
Der Hebel ist nicht der Prompt. Der Hebel ist die Struktur, in der die AI arbeitet, und die wird mit jedem Tag, an dem man sie füttert, wertvoller. Meine wertvollste Arbeitszeit dieses Jahr war ein Urlaub mit einem leeren Ordner.
Diese Notiz gibt es auch auf Englisch.